Let’s go on 2.1

Let’s go on 2.1

Er zwang sie dazu, die Nacht mit ihm zu verbringen.
Ihre Chefs schauten zur Seite.
Am nächsten Morgen stelle sie sich fast eine Stunde unter die sehr heiße Dusche, um wieder normal denken zu können. In der Folge entwickelte sie eine Art Sauberkeitswahn.
Nachts konnte sie nicht mehr richtig schlafen.

Eines Tages traf sie Tanaka. Sie war reif. Sie hatte schon alles erlebt. Er versprach ihr eine bessere Zukunft. Er hatte Geld.
Im Bett war es gut mit ihm, noch nie hatte sie so einen Typen kenngelernt. Sie fuhren zusammen mit dem Auto durch halb Europa.

Einmal waren sie in Andalusien unterwegs. Es war Mai, in der Nähe von Algeciras fuhren sie durch ein Meer aus weiß-gelben Margeriten. Es wogte mit dem Wind aus den Bergen hin und her und wechselte mit dem gleißenden Sonnenlicht ständig seine Farbe.
Der Wind trieb die Flora wie eine große Viehherde im Kreis vor sich hin. In der Vegetation gab es deshalb smaragdgrüne Inseln mit weißen, irrlichternden Punkten die oft die Position veränderten.
Ab und zu wurde die Landschaft von Palmenhainen und kleinen Pinienwäldern unterbrochen.

Irgendwann verließen sie die dünn besiedelten Berge und erreichten die Bucht von Cádiz.
Sie rollten durch Fischerdörfer mit weiß gekalkten Häusern. In Cádiz fanden sie ein wunderbares Hotel am Rande der Altstadt.
Vielleicht war sie an jenem Abend sogar ein wenig in Tanaka verliebt. Er sprach nie viel, wenn sie zusammen waren, das empfand sie als angenehm.
Bald heirateten sie, obwohl sie nichts über ihn wusste.
Er nahm sie mit nach Kyoto in dieses riesige Haus. Es war abgelegen, aber sie ging jeden Tag zu den Stallungen, um die Pferde zu betrachten oder einen Ausritt zu unternehmen. Tanaka war oft unterwegs, sie verbrachte viel Zeit alleine.
Er verlangte Loyalität. Widerspruch war ihm zuwider.

Sie ist im Hotel, das Telefon klingelt. Tanaka ist dran.
„Hast du die Nachrichten angeschaut?“, fragt er scharf.
„Nein Kaito, ich habe noch überhaupt nichts gesehen heute, ich habe auf deinen Anruf gewartet, was hast du mit ihm vor?“
„Schalte den Fernseher an, schnell“, erwidert er hastig.
Nina gehorcht.
Es gibt eine Meldung von einem Zwischenfall im gleichen Gebäude, wo M. Das Päckchen abgegeben hat.
„Du siehst hoffentlich, was da los ist, verschwinde schnell aus dem Hotel, ich lasse dich abholen“, sagt Kitano mit heiserer Stimme.
„Nein“, sagt Nina energisch, „ich muss auf ihn warten, wir müssen ihm helfen, das können wir nicht machen, lass uns erst herausfinden, was passiert ist.“
„Du verschwindest da jetzt sofort, alles andere entscheide ich später, ich bin noch im Krankenhaus.“
Nina erstarrt, ihre Lippen sind zugeschnürt, kalter Schweiss rinnt ihr über die Stirn.
Sie ist paralysiert, ausdruckslos starrt sie auf die Wand. Sie setzt sich taumelnd auf den Bettrand. Ein Abgrund öffnet sich, ihr zentrales Nervensystem gerät außer Kontrolle.

Eine große Pferdeherde kommt auf sie zu. Sie wirft sich auf den Boden, über ihr graben sich unzählige Beine in die Erde, gleich wird sie zertrampelt. Sie sieht, wie ihre linke Hand von einem Huf zu Brei zerdrückt wird. In einem Knäuel aus Fleisch und Knochen stürzen die Tiere in einem chaotischen Haufen über sie her, sie wird stinkend begraben. Nicht tief. Sie spürt nichts mehr. Pferdegebisse grinsen in ihr Gesicht. Mit beiden Armen stemmt sie sich gegen den Untergang.
Es geht immer weiter. Mehr Pferde, mehr Unrat, der über sie geschüttet wird. Sie rollt sich zur Seite, um sich irgendwie zu schützen. Wieder und wieder rasen die Tiere wie entfesselt über sie her.
Ihre Augen sind voller Staub, sie kann den Himmel nicht sehen. Es ist ein Gefängnis der Sinne. Kein Entkommen.
Ein sentimentaler Wahn. Sobald sie den Kopf hebt, erscheint die Herde von neuem. Grinsende Pferdegesichter, Schaum vor dem Mäulern, geblähte Nüstern.
Sie greift sich an die Brust und an den Kopf. Sie schreit.
Niemand hört sie, immer mehr Pferde springen über sie, ein großer Schimmel trifft sie so stark am Kiefer, dass ihr die Zähne wie an einer Perlenschnur aus dem Gesicht fliegen, er galoppiert unbeeindruckt weiter.
Es ist wie eine Halluzination mit Atropin. Sehr realistisch und beängstigend.
Und sehr fantastisch. Sie unterscheidet nicht mehr zwischen den Dimensionen.
Ein aggressives Gefühl der Überlegenheit überkommt sie, daraus werden schnell Tautropfen der Depression.
Die Dialoge mit Kaito sind auf einmal nebensächlich. Es geht um ein Menschenleben.

Sie wacht auf und verlässt das Apartment. Traurig, ziellos. Kalt.
Er ist weg, keine Chance auf ein Leben.
In diesem Augenblick hasst die Kaito, in ihrer Erinnerung verwelken die Margeriten.
Ich muss unerwarteter Weise flüchten. Und einen Mörder finden, bevor er mich findet.
Nina muss getötet werden.

Mathias

Über den Autor: Mathias Guthmann schreibt unter anderem für kulinarische Zeitschriften und den Schachsport. Seine Essays und Kurzgeschichten haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert. In der freien Wirtschaft berät der Autor eine Firma zu PR-Strategien.

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