von Mathias Guthmann
Zeit etwas zu schreiben. Was bisher geschah vergessen wir.
Leben geht weiter!
Während ich darüber nachdenke, erstrahlt auf einmal das Zimmer ganz hell und eine durchsichtige Gestalt schwebt ätherisch, schemenhaft, fluoreszierend durch den Raum.
Ich gewöhne mich an das schmerzhafte Licht, die Umrisse von Körper und Gesicht zeichnen sich ab und zu meinem größten Erstaunen erkenne ich…Thomas Mann. Ein Tagtraum?
Ich beobachte, wie er sich morgens um acht Uhr an den Schreibtisch setzt, ein blütenweißes Blatt Papier glatt streicht, gleichmütig zum Fenster hinausblickt, den dezent schwarz-silbern-glänzenden Füllfederhalter in die rechte Hand nimmt, ihn dabei spielend hin- und her dreht, dann wieder hinlegt, während er mit der linken Hand beiläufig in einer Kiste, die mit japanischen Motiven verziert ist, nach einer Zigarette greift.
An diesem sonnigen Herbstmorgen Anno 1897 weht ein kühler Wind durch die Via di Torre Argentina 34/III in Rom. Die leicht beschlagenen Glasfenster antworten darauf mit kaum hörbaren, polyphonen Akkorden. Der kleine Hund Titino, den der Schriftsteller irgendwo in der Stadt auf einem Heuhaufen aufgegabelt hat und der ihm schnell ans Herz wächst, rollt sich auf dem Ledersessel ein.
Thomas Mann lässt seinen Blick zufrieden über den monumentalen, von schweren, geschwungenen Füßen getragenen Mahagoni-Schreibtisch wandern.
Vier große gerahmte Schubladen mit prächtigen Messing-Griffen im Fin de Siècle-Stil bieten ausreichend Platz für Papier und Utensilien.
Hinter diesem riesigen Möbel und vor einem leichten, hellen Vorhang, der sich sanft im Luftzug wiegt, steht eine silbrig schimmernde, mit hellgrauer Patina überzogene Buddha-Figur.
Endlich gleitet die Schreibfeder des Schriftstellers schwungvoll über das Papier, so wie die Schlittschuhe eines brillanten Läufers über spiegelglattes Eis.
Hält kurz inne, streicht ein Wort, nimmt den Rhythmus wieder auf. Bewegt sich unaufhörlich, bis sich ihr Geräusch verliert und das Echo einer rauschenden Welle hinterlässt, die sich am langen Sandstrand bricht. Neugierig blicke ich dem Schriftsteller über die Schulter:
„Was ist das. – Was – ist das…“
„Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!“
Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weißlackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt.
Ist es der Teufel, der mir diesen Streich spielt?
Nein, sonst wäre es viel schlimmer gekommen!
Der bloße Gedanke zuzusehen, wie Franz Kafka die „Verwandlung“ schreibt, zum Beispiel. Die Vorstellung allein jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken, nicht auszudenken, der reinste Alptraum, ich hatte Glück. Ich sehe Kafka vor mir, wie er irgend ein Werk den lodernden Flammen übergibt, dabei heftig tuberkulös hustend. Wie er sich mit letzter Kraft aufsetzt, ein blutverschmiertes Tuch an den Mund hält und mit matter Hand einen Brief an Max Brod aufsetzt:
Manchmal scheint es mir, Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt.
"So geht es nicht weiter" hat das Gehirn gesagt und nach 5 Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt, zu helfen.
Alles ist relativ.
Sei’s drum. Ich wische die Visionen so gut es geht beiseite und schreibe über Schach.

Der Spieltag
Im Bürgerzentrum Mühlburg begrüßen wir die Mannschaften aus Jöhlingen und Sulzfeld.
Für uBu 1 geht es um einen Big Point. Wie oft schon ist die Mannschaft kurz vor dem Ziel gescheitert.
Probleme mit der Aufstellung, die Nerven oder einfach Pech, im Schach kann alles passieren, das macht es ja so interessant!
Die Tabellensituation ist klar. Gelingt heute ein Sieg, reicht am letzten Spieltag ein Remis.
Sprach man zu Beginn noch von einem klaren Favoriten Waldbronn, so änderte sich im Verlauf der Saison das Bild. Der Kampf an der Spitze ist aber noch nicht entschieden. Klar ist: Die erste Mannschaft des SC uBu ist zur Zeit sehr spielfreudig.
Ich genieße die Abende im Old Chapel Pub, wo sich regelmäßig wirklich gute Spieler treffen. Die Varianten, die man dort sieht sind erstens sehr aktuell und zweitens viel diskutiert. Aber darüber verrate ich nicht zu viel, weil – wie es sich für jeden Kneipenclub gehört – jeder rein darf um sich darauf seinen eigenen Reim zu machen (jetzt gehen die Gäule mit mir durch, beim letzten Zungenbrecher hab ich mir doch glatt das Gesicht eines Lesers vorgestellt, unerhört).
Diese Spielfreude zeigt sich natürlich an den Brettern.
Dazu Sven Hermann, ein Leistungsträger der 1. Mannschaft:
„Ich spiele jetzt schon viele Jahre beim SC uBu, aber so fokussiert, konzentriert und mit starkem Siegeswillen wie in dieser Saison sind wir zurecht bisher ungeschlagen . Wobei wir immer schon zu den Schwergewichten in dieser Liga gehört haben. Letzte Saison haben wir uns in letzter Minute noch die Butter vom Brot nehmen lassen. Diesmal wollen wir den Bann brechen.“
Ein Blick auf die Tabelle nach dem vorletzten Spieltag:

Die 2. Mannschaft tritt gegen Sulzfeld an. In der A-Klasse befindet sich uBu 2 mit 8 Punkten auf Platz 6 ein Abstieg ist unmöglich.
Die Mannschaft mit einigen jungen Gesichtern liefert dynamisch ab.
Für eine wirklich schöne Saison wäre ein Sieg am letzten Spieltag das beste Rezept, da gibt es durchaus Chancen. Das Geschehen an den Brettern ist in dieser Liga sehr kämpferisch und trickreich. Anspruchsvoll ohne Zweifel! Kein Wunder, will man erfolgreich sein ist auch da Vorbereitung alles.
Auch hier ein Blick auf die Tabelle:

Ein paar Eindrücke von den Brettern
Muss ich wirklich die Partien beschreiben? Nur was mir so aufgefallen ist. uBu 1 gewinnt gegen Jöhlingen mit 5.5 : 2.5.
An den vorderen Brettern einige Remisen, das ist völlig in Ordnung, was zählt ist das Mannschaftsergebnis.
Gerd Kasthede verwertet einen Mehrbauern ohne Fehl und Tadel. Gegen Henn gibt Machauer eine Qualität die allerdings nicht mehr als Unentschieden bringt. Carsten Dege zeigt gegen Tepel keine Schwäche und Matias Steiner erledigt seine Aufgabe souverän, gegen die Streitmacht seiner Schwerfiguren ist der Gegner chancenlos.
In der 2. Mannschaft verhält es sich so ähnlich, nur das am Ende ein Punkt für das Mannschaftsremis fehlt. Schade.
Jetzt noch ein wenig Geduld und im Mai darf dann gefeiert werden!
Bonus: Schach im Schlossgarten
